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Bullshit-Mythen – Nur positives Denken führt zum Erfolg

Bullshit-Mythen – Nur positives Denken führt zum Erfolg

Wer immer fleißig positiv denkt und sich alles immer in den schönsten Farben ausmalt, der wird auch bekommen, was er sich ausmalt! Da werden Collagen geklebt, Affirmationen eingeübt und ganz wichtig: negative Formulierungen aus dem Wortschatz gestrichen. Und wenn es dann doch nicht mit dem ganz großen Traum geklappt hat, dann muss einfach nochmal neu positiv gedacht werden … Komisch, dass die Wissenschaft, dass oft ganz anders sieht.

Eines vorweg: ja, ich gehöre nicht nur zu den Berufsoptimisten, ich bin es auch tatsächlich. Und ja, ich visualisiere, klebe Collagen und ich beobachte, welche negativen Formulierungen mir nicht gut tun. Ich beobachte aber genauso akribisch, welche Affirmationen bei mir funktionieren und welche nicht. Welche Collagen einen Effekt auf mein Tun und Lassen haben und welche nicht. Und genau an diesem Punkt wird ein Schuh draus: Wenn Du Dir im tiefsten Inneren Deine positiven Gedanken nicht glaubst, dann sind sie nicht nur nutzlos, sie entfalten eine negative Kraft und werden aktiv kontraproduktiv.

Dieses Phänomen ist mir nicht nur bei mir aufgefallen, also wollte ich es natürlich genauer wissen und bin streng wissenschaftlich vorgegangen: Ich habe gegoogelt. Und siehe da: es gibt jede Menge Beispiele aus der Forschung, die ich nicht kannte und/oder einfach ignoriert habe. Und leider tut das ein großer Teil meiner Zunft. Von meiner Seite aus ist damit jetzt Schluß: Ich meine es ist Zeit, auch die negativen Gedanken und Gefühle wertzuschätzen. Zum einen, weil sie einfach genauso dazu gehören und zum anderen, weil sie, wenn man sie akzeptiert wie sie sind, tatsächlich eine konstruktive Kraft entfalten können.

Gesunder Pessimismus kann zu mehr Einkommen führen

Im Gegensatz dazu ist positives Denken tatsächlich manchmal kontraproduktiv. So berichtet das Journal of Personality and Social Psychology 2013 (http://psycnet.apa.org/record/2013-18039-001), dass der Optimismus in jungen Ehen und/oder Beziehungen letztendlich der Grund für viele später folgende Probleme ist. Eine gesunde Skepsis hingegen wirke eher stabilisierend auf die Beziehung. Im Berufsleben sieht es ähnlich aus: Selbstständige mit einem gesunden Hang zum Pessimismus erzielen laut einer Studie des Institute for the Study of Labor (https://www.iza.org/de) im Schnitt 25 % mehr Einkommen als ihre optimistischen Kollegen auf der optimistischen Seite des Lebens …

Auch die Professorin für Psychologie an der Universität Hamburg Gabriele Oettingen ist überzeugt: positives Denken kann hinderlich sein! Denn, so die Ergebnisse ihrer Forschung, die positiv Denker entspannen sich durch ihre positiven Gedanken dermaßen, dass ihnen die notwendige Handlungsenergie leider flöten geht. So hat Oettinger beispielsweise ihre Studentinnen intensiv an ihre Traumschuhe denken lassen und sie anschließend getestet. Dabei stellte sie fest, dass der Blutdruck der Studienteilnehmerinnen sank und damit auch ihr Energielevel. Ähnliche Ergebnisse erhielt sie beim Vorstellungsgesprächexperiment. Teilnehmer die sich vor dem Gespräch vorstellten, ein großartiges Gespräch zu führen und sich in ihrem Tagtraum von ihrer besten Seite zeigten, verdienten später weniger. Wenn sie den Job überhaupt bekamen, denn in beiden Bereichen waren die Testteilnehmer erfolgreicher, die negative Gedanken zugelassen hatten. Fazit: positives Denken kann (ACHTUNG: kann!!!) ein Energiefresser sein.

Nur negatives Denken bringt allerdings auch nicht ans Ziel und macht auf Dauer unglaublich unentspannt. Was also tun? Professorin Oettingen hat hierfür die sogenannte Woop Methode entwickelt. Eigentlich ganz unspektakulär, aber sehr effektiv. Es geht um wish, outcome, obstacle und plan. Also um Wunsch, Ergebnis, Hindernis und Plan. Was auch schon die Komponenten der Methode sind. Grundidee ist, sich das Ziel positiv auszumalen, ohne dabei die Hindernisse zu vergessen und diese auch einmal im Gedankenkino zu durchlaufen. Selbstverständlich mit allen dazugehörigen Gefühlen, auch den negativen. Am Ende steht der Plan, der aufgrund der positiven UND der negativen Gedanken und Gefühle entstanden ist. Dieses Prinzip ist die „mentale Kontrastierung“.

"Wir schaffen das!" ist schön, reicht aber allein nicht

Der Sportpsychologe Jürgen Lohr hat es mal so beschrieben. Viele Profifußballer würden sich gern vorstellen, wie sie nach einem Elfmeter an die Eckfahne rennen und jubeln. Sein Rat an die Jungs: immer schön der Reihe nach. Erst mal vorstellen, was zu tun ist und welche Hindernisse wie zu überwinden sind. Dann wird gejubelt. In der mentalen Arbeit, wie im richtigen Leben.

Für die Führung von Mitarbeitern gilt das Gleiche. Ein fröhliches „Ja wir schaffen das“, funktioniert vielleicht bei Bob dem Baumeister, aber selbst Angela Merkel musste feststellen, dass es mit dieser einfachen, positiven Affirmation eben nicht getan ist. Also: immer schön der Reihe nach. Gesunder Realismus ist angebracht und dazu gehören eben auch negative Gedanken. Natürlich ist es angenehm einem verheißungsvollen Ziel entgegenzugehen, aber den anstrengenden Weg zu unterschlagen ist nicht nur naiv, es ist vor allem kontraproduktiv.

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